Abschied von Museumsdirektor Dr. Thomas Schwark

Seit 1998 leitet Dr. Thomas Schwark das Historische Museum Hannover. Jetzt geht der Direktor in den Ruhestand. Zum Abschied hat Michael Krische mit dem Historiker gesprochen: über Hannovers Pioniergeist, über seine Pläne für den Ruhestand und was das Fegefeuer damit zu tun hat.

Herr Dr. Schwark, Sie sind gebürtiger Lübecker. Als Sie sich 1998 hierher bewarben, waren Sie Museumsdirektor in Rostock. Was hat Sie nach Hannover verschlagen?

Schwark: Hannover ist eine schöne, spannende Stadt mitten in der Republik. Das Historische Museum steht geradezu symbolisch als ein Haus der Nachkriegsmoderne in der historischen Altstadt, mitten in der Stadt und mitten in der Gesellschaft. Ich war schon während des Studiums auf dieses Museum aufmerksam geworden, weil es eine Sonderausstellung mit dem Titel „Unter der Wolke des Todes leben“ der Zeit des Nationalsozialismus gewidmet hatte. Das war damals eine Art Pioniertat.

Ist von diesem Pioniergeist etwas geblieben?

Schwark: Ja sicher – mit der Ausstellung „Von goldenen Kutschen und kolonialer Vergangenheit“ zur Kolonialgeschichte Hannovers haben wir eine neue Perspektive auf die Stadt- und Landesgeschichte eröffnet.

Museumsdirektor Dr. Thomas Schwark (r.) im Gespräch mit Michael Krische
Museumsdirektor Dr. Thomas Schwark (r.) im Gespräch mit Michael Krische. Foto: Katharina Rünger

Und wie sieht es mit den Perspektiven für die Zukunft unseres Historischen Museums aus?

Schwark: Prognosen sind ja bekanntlich schwierig, weil sie die Zukunft betreffen. Aber im Ernst: Ein Museum muss sich immer wieder neu denken. Wir sind zurzeit, sagen wir es einmal so, ein weißes Museum. Wir müssen ein buntes werden. Wir sehen das, wenn Schulklassen zu uns kommen. Sammlungen und Ausstellungen müssen diese neue Diversität widerspiegeln. Das gilt auch für die Neukonzeption der Dauerausstellung. Das ursprüngliche Konzept wurde vor etwa zehn Jahren entwickelt und muss sicher überarbeitet werden. Aber es gibt ja auch viele weitere Themen, die in den Fokus gerückt sind, wie zum Beispiel der Klimaschutz. Also zeigen wir dann nicht nur das Hanomag-Kommissbrot, sondern auch einen Elektro-HaWa, der ebenfalls in Hannover gebaut wurde.

Und all das bei der bevorstehenden Schließung des Hauses bis 2028?

Schwark: Das hatten wir uns natürlich ganz anders vorgestellt. Wir wollten eigentlich 2019 mit dem Umbau fertig sein. Dann kamen aber all die neuen Bestimmungen vom Brandschutz über die Deckentraglasten bis zum Denkmalschutz. Zu allem Überfluss wurden auch noch Schadstoffe entdeckt. Alles wurde teurer, was wiederum eine Europa-weite Ausschreibung erforderlich machte. Da musste Geld besorgt werden! Ich drücke meinen Nachfolgenden die Daumen, dass die zur Verfügung stehenden Mittel ausreichen und dass sie Freunde und Verbündete finden.

Da setzen Sie sicher auch auf den Verein der Freunde des Museums?

Schwark: Ja natürlich. Mit unseren Freunden haben wir so viel Positives erlebt. Sie haben uns geholfen, innovativ zu werden, etwa durch die Anschaffung von modernen Medien. Sie haben die Museumspädagogik von Anfang an auf vielfältige Weise unterstützt. Sie haben, um zwei Beispiele zu nennen, Computer finanziert oder auch Kostüme für Kinderaktionen. Der Verein hat den Museumsshop und das Café organisiert. Ohne sie wäre das nicht möglich gewesen. Ohne das Engagement der Freunde durch die Stufenpatenschaften hätten wir die Innenausstattung des Beginenturms nicht hinbekommen. Und Geld für die neue Dauerausstellung haben die Freunde ja auch schon gesammelt.

Da war ja auch noch die Sache mit der Leibnizbüste…

Schwark: Ja. Die Büste im Leibniz-Tempel im Georgengarten wurde immer wieder mutwillig zerstört. Nur dem Freundeskreis war es möglich, Anträge auf Drittmittel zu stellen. So ist es mit Mitteln der Sparkassenstiftung gelungen, für den Georgengarten eine Kopie herzustellen. Das restaurierte Original steht heute im Schlossmuseum Herrenhausen. Solchen Freunden können wir nur dankbar sein.

Erinnern Sie sich an ein besonders erfreuliches Erlebnis während Ihrer Zeit hier in Hannover?

Schwark: Ja, das war die Mitarbeit von Besuchern und Besucherinnen unserer Ausstellung „Gastarbeit in Hannover“. Auf unsere öffentliche Anfrage hin hatten sich vor allem zahlreiche Spanierinnen bei uns gemeldet und ihre Lebensgeschichten erzählt. Das war ein großes Erlebnis.

Und was hat Sie besonders geärgert?

Schwark: Dass wir als Historisches Museum noch immer keine eigene Website haben…

Seit 2014 leiten Sie zusätzlich auch das Museum August Kestner. Wie kommen Sie mit der Doppelbelastung zurecht?

Schwark: Das Kestner-Museum ist ein Schatzkästlein. Ich habe es als eine verantwortungsvolle Aufgabe empfunden, das Erbe von August und Hermann Kestner zu bewahren und weiterzuführen. Natürlich muss man seine Kräfte aufteilen, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden.

Und nun?

Ich kehre nach Lübeck zurück. Ich habe dort ein Haus geerbt im Domviertel. Die Straße heißt „Fegefeuer“, die um die Ecke heißt „Hölle“. Aber es ist ja immer noch Hoffnung: Ganz in Sichtweite ist das Domportal. Und das trägt den Namen „Paradies“.

Sehen wir Sie denn gelegentlich auch in Hannover wieder?

Schwark: Selbstverständlich bleibe ich der Stadt weiter verbunden. Ich führe meine Honorarprofessur an der Leibniz-Universität fort. Ich werde im Lübecker Stadtarchiv nach hannoverschen Dokumenten Ausschau halten. Ich werde zu kulturellen Veranstaltungen nach Hannover kommen und Kontakt zu Menschen halten, die mir etwas bedeuten.

Dann wünschen wir Ihnen alles Gute im Fegefeuer, Herr Dr. Schwark, und bedanken uns für dieses Gespräch.